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Appenzeller Vielfalt durch Austausch mit der Welt

Im Gespräch mit Heidi Eisenhut.

Ihre Augen blitzen, wenn sie Worte wie „Psychosophische Gesellschaft“, „Kulturtransfer“ oder „kollektives Gedächtnis“ in den Mund nimmt. Ich bin gespannt auf mehr. Denn Heidi Eisenhut kann viel und mitreissend erzählen. Seit zehn Jahren leitet die promovierte Historikerin die Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden. Wie vielseitig das ist und was sie sonst noch begeistert, erzählt sie hier …

Heidi, du sagst, du seist ein Kind der Appenzeller Hügel. Aber während Ausbildung und Studium warst du doch in Paris und Zürich. Wieso hat‘s dich wieder zurückgezogen? Ich mag diese Landschaft. Während meines Studiums war ich immer auch hier; der Liebe wegen und als Mitglied im Vorstand des Heimatschutzes und in der kantonalen Kommission für Denkmalpflege. Was mich an meiner Arbeit hier so fasziniert, ist, dass der Raum geografisch zwar klein ist und in der Peripherie liegt. Aber er ist so reichhaltig, dass sich am Beispiel des lokalen kulturellen Erbes fast alle Themen in einen grösseren Kontext stellen lassen.

Was genau meinst du damit? Das Leben – die Orte, an denen wir uns aufhalten, unsere Begegnungen, Erlebnisse, Erfahrungen – besteht aus Geschichten. Und diese Geschichten teilen wir mit anderen Menschen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ausserdem teilen wir sie je nach individueller Ausprägung auch mit Menschen anderer Kulturen und Mentalitäten. In der Kantonsbibliothek sind wir einerseits für Bücher zuständig, in denen solche Geschichten mit Bezug zu unserem geografischen Raum dokumentiert sind. Wir beherbergen überdies Vor- und Nachlässe von besonderen Menschen und Vereinigungen, die den Kanton geprägt haben und prägen. Das sind zum Beispiel Kunstschaffende, aber auch Familien wie die Textilhandelsfamilie Zellweger aus Trogen. Diese ganz unterschiedlichen Dinge anzuschauen, ihre Verbindungen zueinander und zu uns Heutigen aufzudecken, das ist wunderbar. So erfahren wir immer mehr über unseren Kanton und können das dann weitererzählen.

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Heidi Eisenhut gibt Einblick, auf welche Weise der Zellweger-Nachlass in Trogen präsentiert wird.

Du und dein Team arbeiten also nicht im „stillen Kämmerlein“? Keinesfalls. Wir haben einen ganz klaren Vermittlungsauftrag. Wichtig ist uns, dass hier nichts Elitäres passiert. Sondern dass es uns gelingt, in der Öffentlichkeit die Vielfalt unseres Kantons sichtbar zu machen. Wir wünschen uns, dass sich die Menschen hier mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Ich persönlich versuche deswegen auch, Themen, die diese Vielfalt und manchmal auch Unerwartetes und Staunenswertes aufzeigen, an die Öffentlichkeit zu tragen. Gerade in der heutigen Zeit scheint es mir wichtig, den Menschen weiterzugeben, dass früher nicht alles besser war. Immer schon haben sich die Welt und die Lebensumstände verändert. Und auf offene Fragen gab, gibt und wird es immer Antworten geben.

Kulturtransfer hat das Appenzellerland geprägt

Als Historikerin liegt dir die Vergangenheit also besonders am Herzen? Das ist falsch formuliert. Wer die Vergangenheit kennt und versteht, kann sich auch auf die Gegenwart besser einlassen und in ihr agieren. Das Appenzellerland, das wir heute kennen und dessen Stärken wir loben, hat sein Profil nur dank eines Kulturtransfers erhalten, der im 18. und frühen 19. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte. In Appenzell Ausserrhoden prägte der Fernhandel den Austausch. Und auch der Tourismus: Menschen kamen und gingen; Einflüsse aus ganz Europa, ja aus der ganzen Welt fanden hier ihren Niederschlag. Und nicht zu vergessen: Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Schweiz ein Auswanderungsland … Andersherum war die Gegend hier aber auch immer schon Rückzugsort für Personen, die als besondere Gruppierungen in relativer Abgeschiedenheit leben und eigenen, besonderen Lebensformen ungestört nachgehen wollten und wollen.

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Ebenfalls Kulturtransfer: Kulturelles Erbe von gestern – fürs Heute sichtbar gemacht

Gibt es da ein konkretes Beispiel? Ja. Die Psychosophische Gesellschaft mit Sitz in Stein AR fällt mir da spontan ein. Deren Kern bestand aus wenigen Personen: einem Guru namens Hermann J. Metzger und drei bis zeitweise vier Frauen. Diese Menschen haben sich nach 1945 zusammengetan. Sie beriefen sich zu ihrer Blütezeit in den 1960er Jahren auf Aleister Crowley. Das war ein britischer Okkultist, der in Italien die Abtei Thelema führte. In Stein gründeten sie eine Abtei gleichen Namens und hielten dort u.a. gnostisch-katholische Messen ab. Sie betrieben ein Labor für Heilmittel, eine Wetterstation, eine Druckerei mit eigenem Verlag und Publikationen und führten einen Hotelbetrieb. In den 1970er Jahren wurde ihre Vereinigung mit dem Mord an der US-Schauspielerin Sharon Tate in Verbindung gebracht. Man warf ihnen sexual-magische Praktiken und Satansmessen vor.

Und wie ist diese Psychosophische Gesellschaft mit der Kantonsbibliothek verbunden? Die Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden hat 2009 den Nachlass der Psychosophischen Gesellschaft unter dem Namen „Collectio Magica et Occulta“ übernommen. Konkret handelt es sich dabei um eine Bibliothek mit 10’000 Titeln sowie ein umfassendes Archiv. Anfang November 2016 hat die Historikerin Iris Blum in unserem Auftrag unter dem Titel „Mächtig geheim“ ein Buch zur Psychosophischen Gesellschaft und deren Geschichte veröffentlicht.

Puh, bei euch ist ja wirklich viel los! Es wird nie langweilig! Und das gefällt mir. Ich habe noch viele Pläne. Bei uns gibt es zahlreiche interessante Themen, manchmal fast zu viel … Aufgrund unserer Grösse – oder wenn man so will „Kleine“ – haben wir die Chance, in Kooperation mit Menschen und Institutionen verschiedener Herkunft Projekte ganz unterschiedlichen Charakters zu realisieren.

 

Herzlichen Dank an Heidi Eisenhut für die spannenden Einblicke!

 

Mehr Infos zur Psychosophischen Gesellschaft gibt’s übrigens in der aktuellen November-Ausgabe des SAITEN-Magazins.

Weiteren interessanten Input findet man auf SRF , auf der Website der Kantonsbibliothek sowie bei diesen Hinweisen zur Familie Zellweger

Bernard Tagwerker: „Bald zeichne ich mit Laser…“

Kürzlich hat der Künstler Bernard Tagwerker den Grafikpreis 2016 der Peter-Kneubühler-Stiftung erhalten. Vor zwei Jahre bekam er schon den Kulturpreis der Stadt St. Gallen. Und die Liste der Auszeichnungen liesse sich fortsetzen. Denn Tagwerker gehört zu den Grossen in Sachen bildender Kunst, weit über die Grenzen der Ostschweiz hinaus. Logisch war ich gespannt, als ich den früheren Präsidenten der visarte.schweiz in seinem Atelier besuchen und über sein Künstlerleben ausquetschen durfte…..

Künstler werden wollte er schon 1955, erzählt Bernard Tagwerker. Damals war er 13 Jahre alt und lebte mit seinen Eltern, die sich so sehr einen „gescheiten Beruf“ für ihren Sohn gewünscht hätten, im appenzellischen Heiden. Trotzdem unterstützen sie ihren Bub bei seinem Wunsch… und so nahm das Künstlerdasein von Bernard seinen Lauf. Eigentlich war geplant, dass er mir Punkt für Punkt davon erzählt. Aber dann wurde die Unterhaltung so wunderbar bunt, dass es hier nun eine Auswahl von Gesprächssplittern gibt. Zu folgenden Themen…

 … Ausbildung

„Ein Heidener Grafiker – Ruedi  Peter – hat meinen Vater angeregt, ich solle doch die Kunstgewerbeschule absolvieren. Ich ging also zur Aufnahmeprüfung  – und wurde nicht angenommen. Das war ein Schock. Nach zirka einer Woche habe ich mir gesagt, die verstehen einfach nicht,  was ich will. Selbstbewusst und überheblich war ich da. Danach bin ich in St.Gallen zur Textil- und Modeschule. Aber da waren die Aufnahmeprüfungen auch schon durch. Man vertröstete mich auf die Prüfungen im nächsten Jahr. Wieder ein Schock. Da haben die wohl gemerkt, wie enttäuscht ich war und liessen mich aufgrund meiner Mappe ohne Prüfung zu. So kam ich zu einer „anständigen Ausbildung“ – aber ich habe keinen Tag meines Lebens in diesem Beruf  gearbeitet.“

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Bernard Tagwerker in seinem Atelier (Bild: Stefan Rohner)

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„Nach der Ausbildung zum Textilentwerfer bin ich nach München gegangen, mit der Idee, vielleicht dort die Kunstakademie zu besuchen. Da ist mal halt als Schweizer Künstler hin. Denn bei uns gab es ja keine Hochschulen oder Akademien Anfang der 60er. Aber aus München bin ich nach drei Monaten wieder weg. Das war mir viel zu traditionell. Man sollte dort nur „üben“. Kreativ sein, zeitgenössische Entwicklungen verarbeiten… das war nicht gefragt. Ein französischer Student, den ich in München kennen lernte, lud mich dann nach Paris ein. Und so kam ich in die französische Hauptstadt. Ich habe bei meinem Bekannten auf dem Boden geschlafen, weil sein Zimmer so eng war und ich kein Geld hatte, um irgendwo Miete bezahlen zu können. Das war schon eine Erfahrung…

In Paris bin ich dann auf die Académie de la Grande Chaumière, eine Kunstakademie am Montparnasse, die es auch heute noch gibt. Speziell war und ist, dass das eine offene Kunstschule ist, ohne mehrjährige Aufbaukurse. Man konnte sich für Wochen, Tage oder auch nur stundenweise einschreiben, um dann mit oder ohne Korrekturen einer Lehrkraft zu skizzieren. Nach eineinhalb Jahren hatte ich kein Geld mehr und ging fürs erste zurück in die Schweiz.“

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(c) Bernard Tagwerker

… Geldverdienen

„Zurück aus Paris, verdiente ich mir in der Schweiz mein Geld als Tankstellenwart. Bei meinem zweiten Parisaufenthalt (1964-67) bekam ich durch eine glückliche Fügung einen Halbtags-Job in der Druckerei des Verlegerpaars Maeght. Dort wurde auch die Künstler-Edition Derrière le miroir (DLM) realisiert. Ich durfte daran mitwirken und lernte so viele sehr bekannte Künstler, wie etwa Miro, Calder, Riopelle und auch Giacometti kennen. Sie liessen ihre Lithografien dort drucken. Ausserdem kam ich so halbwegs über die Runden. Erst im Alter von 55 Jahren konnte ich von meiner Kunst soweit leben, dass ich ohne Nebenjobs auskam.“

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„1967 ging ich wieder nach St.Gallen zurück, schon mit dem Wunsch im Kopf, irgendwann auch mal in New York zu leben und zu arbeiten. Diesen Wunsch erfüllte ich mir 1976. Ich bin rüber, mit nichts als einem Touristenvisum in der Tasche und hatte ausser Flug und Hotel nichts weiter gebucht.  Glücklicherweise hatte ich aber Kontakt zum Schweizer Künstler Pierre Haubensak, der zu dieser Zeit auch in NY lebte. Er bot mir an, sein Atelier zu nutzen…. und so ergab irgendwie eines das andere. Ich blieb schliesslich bis 1986 in NYC und war in dieser Zeit nur ein einziges Mal in der Schweiz. Es waren spannende Jahre. Ich habe gesehen, wie schnell und radikal sich diese Stadt verändert. SoHo hat sich aus dem Nichts zum angesagten Künstlerviertel entwickelt, in dem sich dann unter anderem die „Stars“ aus der Kunst- und Experimentalfilm-Szene trafen. … wenn auch nur bis zirka 1980. Dann verlagerte sich die Szene. Als ich 1986 tatsächlich und dauerhaft in die Schweiz zurückkehrte, war das schon sehr eigenartig.“

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(c) Bernard Tagwerker

… Gestalterisches

„In meiner Kunst spielt der Zufall eine grosse gestalterische Rolle. Mit ihm arbeite ich, um die Gefahr von Wiederholungen oder Routine einzudämmen. Wenn ich das Gefühl habe, ich weiss, was heraus kommt, dann gehe ich weiter zu etwas anderem. Aktuell arbeite ich daran, Zeichnungen mit dem Laser zu realisieren. Das ist eine sehr elegante Art des Zeichnens, da es berührungslos geschieht. Ich bin gespannt, wie sich dieses Projekt entwickelt.“

Ein herzliches Dankeschön an Bernard Tagwerker, dass er sich die Zeit für dieses Gespräch mit mir genommen hat!!!

Und wer mehr über ihn wissen will, wird hier fündig:

Beitrag SRF , Lexikon SIKART oder in diesem Magazin-Beitrag

 

BILDER 
Werkabbildungen: Bernard Tagwerker
Bild Bernard Tagwerker: Stefan Rohner – hier seine Website

Ein Theater geht ins Schloss

Das Diogenes Theater in Altstätten… das ist: ein traumhafter Garten, in dem immer wieder Open-Air-Aufführungen stattfinden. Ein Zuschauerraum im Inneren mit 120 Sitzen. Und ein ausgewogenes Programm mit Promis, Newcomern und Eigenproduktionen. Heidi und Michel Bawidamann lenken als Co-Präsidium mit acht weiteren Vorständen die Geschicke der 1978 gegründeten  Einrichtung. Demnächst gehen sie nun wohl unter die „Schlossherren“. Wie? Davon berichten sie hier.

Das Diogenes Theater ist seit fast vierzig Jahren eine feste Grösse in der kulturellen Landschaft des Rheintals. Doch wie ging’s los? 1978 begann alles mit der Gründung eines Theatervereins. Damals mischten fast ausschliesslich „Theaterverrückte“ mit, kulturinteressierte Laien. Diese machten primär Eigenproduktionen und legten auf Witz – nicht selten mit spitzer Zunge – Wert. Das brachte ihnen immer volle Sitze.

Und heute?  Heute ist Diogenes noch immer ein Verein. Mittlerweile mit rund 540 Mitgliedern und einem zehnköpfigen, ehrenamtlich tätigen Vorstand. Ausserdem gibt es einen zuverlässigen Stamm an tollen freiwilligen Helfern. Ohne die könnten wir den ganzen Betrieb nicht stemmen….

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Diogenes Theater Altstätten

Was hat sich sonst noch seit damals getan? Wer tritt heute hier auf? Gibt es noch immer Eigenproduktionen? Eigenproduktionen gehören fest in unser Konzept. Wir haben sie deswegen auch in unseren Statuten verankert und bringen mindestens einmal jährlich eine auf die Bühne. Darüber hinaus halten wir Ausschau nach talentierten professionellen Newcomern. Und wir arbeiten schon lange mit bekannten Künstlern wie Andreas Thiel, Dodo Hug oder Gerhard Polt zusammen. Zudem holen wir gute Regisseure zu uns, die hier Produktionen realisieren. Erst neulich hat Kristin Ludin bei uns eine Bühnenfassung von „Giulias Verschwinden“ inszeniert – basierend auf dem Drehbuch vom bekannten Martin Suter.

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Première von „Giulias Verschwinden“

Spannend! Aber nicht unbedingt „leichte“ Kost. Wer begeistert sich für das Programm, das Sie anbieten? Unser Publikum ist die Generation ab 35PLUS. Wir stellen fest, dass jüngere oft einfach aus beruflichen und familiären Gründen noch keine Musse fürs Theater haben. Trotzdem sind wir natürlich ein Theater für jede Altersklasse. Bei uns können Kinder Theaterkurse besuchen und das Erprobte danach aufführen. Und demnächst kommt noch etwas Neues hinzu: Diogenes-Eigenproduktionen des AST (Altstätter Senioren Theater). Das ist dann eine Plattform, die Pensionären die Gelegenheit zum Theaterspielen gibt.

Es tut sich also wirklich was im Diogenes-Theater. Oh ja, und es wird sich noch mehr tun (lachen). Denn wir wollen an einen neuen Standort.

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Open-Air-Event im Park

Aber wieso das? Ihr Raum fasst immerhin 120 Gäste. Und in dem traumhaften Garten draussen realisieren Sie regelmässig Freilicht-Anlässe! Wozu wechseln? Unsere Idee ist, das  Theater im Zentrum der Stadt und zwar im Schloss Prestegg neu zu etablieren. Es soll ein Kulturhaus entstehen, in dem Synergien leben und in dem ein reger Austausch stattfindet. Übrigens hätten wir da auch einen wunderbaren Schlossgarten vor der Türe….

Wie konkret ist diese Idee bereits? Es gibt schon noch einiges zu tun. Aber wir führen intensive und gute Gespräche mit den Beteiligten. Die Pläne wurden zum Beispiel mit dem Besitzer des Schlosses, der Museumsgesellschaft, bereits ausgearbeitet. Und wir sind mit den Institutionen, die uns finanziell und ideell unterstützen, in Kontakt. Wir sind auf einem guten Weg.

Herzlichen Dank an Heidi und Michel Bawidamann für dieses Gespräch und die Bereitstellung des Bildmaterials.

Und hier findet sich das Programm zur aktuellen Spielzeit. Hingehen!

Kritik am Konsum wird genüsslich konsumiert….

Kunst kritisiert Missstände, z.B. skrupellosen Konsum. Oder würde sich immerhin sehr gut in dieser Rolle gefallen. Aber stimmt das eigentlich? Oder ist Kunst nicht selbst ein reines Konsum-Produkt, das man misstrauisch beäugen müsste – und nicht ehrfurchtsvoll bestaunen??? Eine Cross-Media-Aktion in Wil mit dem vielsagenden Titel „Shopping“ scheint nun noch bis 13. August dieser Frage nachzugehen. Und dieser „etwas andere“ Text tut das auch. Denn die Kunstgeschichte trägt das Thema „Konsum“ ja schon Jahrhunderte mit sich herum.

Shopping steht für die Möglichkeit, etwas zu konsumieren. Wo keine Ware vorhanden ist oder finanzielle Mittel fehlen, kann man nicht konsumieren, kann man nicht shoppen. Doch konsumiert hat der Mensch schon immer gerne und machte dieses auch in Kunstwerken sichtbar. Ein gutes, recht frühes Beispiel sind die niederländischen Barockstillleben um 1600: Werke mit üppig gedeckten Tafeln, exotischen Früchten und vielem mehr.

Stilleben

Pieter Claesz. (1597/8-1660)

Die Auftraggeber dieser Werke waren reich. Sie liebten es, das auch doppelt zu zeigen. Einmal im Abhalten von Festgelagen – oder auch durch deren Inszenierung in einem Kunstwerk. So wurde gelebter Luxus für die Nachwelt fixiert. Konsum, Luxus, Wohlstand, Kunst  waren damals Dinge, die jeder gerne haben wollte. Sie waren selten, damit erstrebenswert und wer konnte, stellte sie stolz zur Schau.

Stolz geht – Scham kommt

Im Laufe der Zeit jedoch veränderte sich diese Haltung. Der Gedanke an Luxus erhielt einen schalen Beigeschmack. Mit einem Mal waren noch andere Begriffe im Raum: Überfluss, Prasserei, Gier, Ausbeutung… Diese Entwicklung beeinflusste auch die Kunst. Sie gab ihr eine neue Richtung, einen veränderten Ansatz.

Eines meiner Lieblingsbeispiele dazu kommt aus dem Jahr 1917 und ist vom französischen Künstler Marcel Duchamp. Sein berühmtes Readymade „Fontain“ ist nämlich nix weiter, als ein handelsübliches Urinal. Dieses signiert er und erklärt es zum Kunstobjekt.

Urinal

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Duchamp#/media/File:Fontaine-Duchamp.jpg

Mancher mag einwenden: „Das war praktisch zur Hochblüte von Dada“.  Aber das ist eigentlich egal. Was mir wichtig ist: Duchamp stösst die an Edles und Bedeutsames gewohnte Kunst-Elite vor den Kopf. Er deklariert ein völlig banales und eher mit „Ekel“ konnotiertes Objekt als Kunst – einfach  gekauft in einem Sanitärgeschäft: Objekt „geshoppt“ und zur Kunst erhoben. Darf man das?

Shoppen ohne Hirn

Die Idee, Kunst und Konsum kritisch miteinander zusammen zu bringen, war jedenfalls nicht mehr tot zu kriegen. Einen Höhepunkt erreicht 1961 der Künstler Claes Oldenburg. Damals eröffnet er in seinem Atelier in New Yorks Lower East Side einen Laden, The Store: Verkaufsort und Produktionsstätte zugleich. Zu kaufen gab es alles,  was man im Alltag brauchte und was auch die Läden der Nachbarschaft anboten. Von Nahrungsmitteln bis zum Schuh. Mit einem Unterschied: Oldenburgs „Produkte“, egal ob Torte oder Kravatte, waren zu nichts zu gebrauchen. Jedes einzelne Stück bestand aus dem gleichen Material: mit Gips überzogenem Musselin und war farbig bemalt.

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Claes Oldenburg – „Meats“

Oldenburgs warf damit Kunst-Konsum und Wirklichkeits-Konsum auf einen Haufen und hielt den Store-Besuchern einen Spiegel ihres Kaufverhaltens vor. Shoppen ohne Sinn und Verstand? Shoppen als Selbstzweck?

Heute, rund 50 Jahre später, sind wir – nicht nur in Sachen Kunst – an dem Punkt angelangt, dass wir das Wort „Konsum“ fast mit Abscheu verwenden. Unsere neuen Lieblingsworte sind solche wie Fair-Trade, Nachhaltigkeit und „biologisch“. Der Kulturphilosoph Boris Groys hat dazu einen schönen Satz formuliert: „Nichts wird in der Konsumgesellschaft so gerne konsumiert wie die Kritik am Konsum.“

Die Kunst tut auf alle Fälle ihr bestes, mitzuziehen: Verbrauchte Güter, Abfälle, Schrott usw. werden für Kunstobjekte verwendet. So versucht Kunst, sich KRITISCH mit Konsum in unserer Welt auseinanderzusetzen. Aber steht Kunst, egal in welcher Form, nicht selber für den Willen zum Konsum, den Wunsch nach Luxus? Das scheint zumindest so, wirft man einmal einen Blick auf die grossen internationalen Kunstmessen.

Griff an die eigene Nase

Zum Schluss fasse ich mir auch an die eigene Nase. Ich gestehe, dass ich trotz meines Unbehagens gegenüber ungezügeltem Konsum, Kunst und Konsum gerne in einem „Aufwasch“ geniesse. Etwa dann, wenn ich ein ermatteter Museumsbesucher bin. Nach den intellektuellen Herausforderungen, die mir die Kunst abverlangt, suche auch ich gerne Linderung beim Shopping im Museumsshop. Hier gibt es – nach dem Kontakt mit der musealen Geisterwelt des Unantastbaren, Unverkäuflichen und für mich ohnehin Unbezahlbaren  – durch den realen Kaufvorgang endlich wieder eine Rückkehr ins wahre Leben. Hier kann ich alles anfassen, shoppen und mit nach Hause nehmen.

Mein Fazit

Gerade, weil Kunst und Konsum so ein spannendes und schwieriges Verhältnis zueinander haben, finde ich das „Shopping“-Projekt in Wil reizvoll. Denn wie die Kunstgeschichte zeigt: Es gab immer Kunstschaffende, die etwas  Anregendes und Intelligentes aus diesem Verhältnis ziehen konnten.

In diesem Sinne: Auf nach Wil und sich eine eigene Meinung bilden! Die „Produkte“ betrachten, die von neun Kunstschaffenden im Rahmen von „Shopping“ realisiert wurden: James Stephen Wright, Martina Mächler, Lucy Biloschitski, Catherine Xu und die beiden Künstlerkollektive Nina Emge/Samuel Koch sowie Fridolin Schoch/Edmée Laurin/ Domingo Chaves .

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(c) Arthur Junior- Impression von „Shopping“

Mal sehen, wie sie im Rahmen ihrer „Shopping“-Tour Kunst und Konsum gemanaget haben….

Hier gibt’s den Ausstellungsführer, genaue Daten zum Projekt und eine Besprechung dazu im Tagblatt

Urheberrecht: Worum gehts da eigentlich…?

Info-Anlass für „Mehr-Wissen-Woller“

Viele Musiker, Autoren, bildende Künstler und andere Kreative nutzen regelmässig bereits existierende Werke für die Arbeit an eigenen künstlerischen Projekten. Vor allem das Internet bietet heute grenzenlose Möglichkeiten: Kompositionen, Bilder, Texte – alles ist, wie es scheint, frei verfügbar und zur „Weiterverwendung“ bereit. Doch in welchem Rahmen ist das wirklich erlaubt? Wo sind Grenzen? Und wie kann man überhaupt eigene Werke schützen? Beim Info-Anlass „Das Urheberrecht in der künstlerischen Praxis“ gibt’s am 23. September Auskunft durch Profis. Die Anmeldung ist ab sofort möglich. Hier zu den Details…

Das Internet für Kunst- und Kultur-Inspirationen zu durchforsten, ist schön und gut. Zugleich werden dadurch aber auch Fragen nach dem geistigen Eigentum laut. Und der juristische Bereich des Urheberrechts gewinnt stark an Bedeutung. Denn rechtliche Auflagen in Sachen Kunst und der reale Umgang damit gehen immer weiter auseinander. Einer der Hauptgründe dafür ist wohl, dass viele aktive aber auch angehende Kunstschaffende nur ein geringes Bewusstsein der Problematik haben.

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Hier setzt der Anlass „Das Urheberrecht in der künstlerischen Praxis“ an. Er findet am 23. September in St.Gallen statt und hat das eine Ziel: möglichst vielen Kunstschaffenden und Kunst-Studenten fundierten Einblick in die Aspekte des Urheberrechts zu bieten. Besonders ist an dieser Veranstaltung sicher der breite Mix an Fachleuten, die Rede und Antwort stehen. An gesonderten Thementischen werden differenzierte Inhalte genauer beleuchtet: Zum Beispiel „Digitale Kunst – mischen possible!“, „Suisa – Das Urheberrecht in der Musikbranche“ oder auch „Urheberrecht im Wandel – das Folgerecht und die Ängste des Kunstmarkts“, um nur einige zu nennen.

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Vom Juristen mit Kunstspezialisierung bis hin zu Performance-Künstlern sind also die unterschiedlichsten Fachpersonen vertreten. Die gemeinsame Diskussion, professionelles Hintergrundwissen sowie konkrete Beispiele anhand bereits realisierter Kunstprojekte bieten an diesem Anlass breitgefächerten Einblick in die künstlerische Realität.

Mein Fazit: Teilnahme lohnenswert! Gerade für alle, die schon immer mal auf Nummer SICHER gehen wollten und einfach ein MEHR an Wissen schätzen…

Urheberrecht in der künstlerischen Praxis
Freitag, 23. September 2016, 13.30 bis 16.50 Uhr

Anmeldung
Per E-Mail an st.gallen@kulturbuero.ch. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, Anmeldungen sind verbindlich und werden in der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt. Der Unkostenbeitrag von CHF 20.- kann vor der Veranstaltung bar bezahlt werden.

Veranstaltungsort
Aula GBSSG, Demutstrasse 115, 9012 St.Gallen

Organisation
Kulturbüro St.Gallen I visarte.ost, Berufsverband visuelle Kunst I Schule für Gestaltung am Gewerblichen Berufsschul- und Weiterbildungszentrum St.Gallen

„David Bürkler wurde als Künstler oft unterschätzt“

Eigentlich hätte es einfach eine Ausstellung zum 80.ten Geburtstag des St.Galler Künstlers und Unikats David Bürkler werden sollen. Eine Ausstellung mit Werken dieses Mannes, der über ein halbes Jahrhundert Ostschweizer Kunstgeschichte mitgeschrieben hat. Doch David Bürkler ist tot. Er starb im letzten Januar – noch bis zum Schluss voller Ideen und Schaffensdrang. Wenige Tage vor Eröffnung der Ausstellung am 11. Juni, die nun eine posthume Retrospektive sein wird, habe ich mit demjenigen gesprochen, der sie organisiert und kuratiert: der Galerist Adrian Bleisch. Ein Gespräch über Vielseitigkeit, Neugierde und bedingungslose Hingabe an die Kunst.

Adrian, du kanntest David Bürkler über viele Jahre hinweg. Erinnerst du dich noch an eure allererste Begegnung? Oh ja. Das war an einer Geburtstagsfeier, zu der wir beide eingeladen waren. Ich sah da plötzlich so einen speziellen Typen mit grossem schwarzem Ledermantel  und ziemlich eigenartigem Aussehen. Irgendwie kamen wir zunächst vage ins Gespräch. Und dann auf einmal voll und ganz. Ich unterhielt mich blendend und stundenlang an diesem Abend mit David.

Wie ging‘s dann weiter? Kurz nach diesem ersten Aufeinandertreffen habe ich die Galerie in Arbon eröffnet. Ab diesem Zeitpunkt hat David dann immer wieder an Gruppenausstellungen bei mir mitgewirkt.

Du hast ihn also jeweils eingeladen, bei dir auszustellen, und er machte mit?  Na ja, wie man es nimmt. David Bürkler war durch‘s ganze Leben hinweg ein extrem kompromissloser Künstler. Er hat nur DANN irgendwo ausgestellt oder ein Werk verwirklicht, wenn er alles genau nach seinen Vorstellungen machen konnte. Ausserdem war es ihm wichtig, immer neue Werke zu zeigen. Er hat daher fast immer direkt für eine Ausstellung ein Werk erschaffen und nur ganz selten „ins Blaue rein“ gearbeitet.

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Vor Ausstellungsbeginn: Die Exponate warten darauf, ausgewählt und aufgebaut zu werden.

Du sagst, er sei kompromisslos gewesen. Das klingt nach einer schwierigen Zusammenarbeit. Ich konnte gut mit ihm arbeiten. Immer wenn er an Gruppenausstellung mit dabei war, hat er zum Beispiel seine Hilfe beim Hängen angeboten.  Da ist er oft zu mir gekommen und hat mich unterstützt. Er war dann immer ein fairer Partner und hat auf eine gute Art Kritik geübt, wenn ihm was nicht  passte. Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Was ich besonders erstaunlich fand:  Er hat sein Werk nie bevorzugt, sondern immer sorgfältig abgewogen, wie was ins richtige Licht gebracht  wird. Gerade auch bei der Präsentation von Werken anderer Künstler. David hatte ein sehr gutes Auge.

Wie du sagtest, hat er immer für eine Ausstellung Neues erarbeitet. Gilt das auch für die Ausstellung zu seinem 80ten Geburtstag? Aber ja doch. Er hat bis zum Schluss voller Ideen und Taten gesteckt. Da wären noch viele Jüngere gefordert, mitzuhalten. Mithalten können bei ihm die meisten zudem nicht, wenn es um Wissen geht. David war ein wandelndes Lexikon. Selbst in seinem hohen Alter hat er sich noch über die unterschiedlichsten Themengebiete informiert. Und er hat laufend die Entwicklung in der jungen zeitgenössischen Kunst beobachtet.

Adrian Bleisch sichtet die Exponate

Adrian Bleisch mit einigen der für David Bürkler so typischen „Schemeln“.

 

Eigentlich war ja die Idee, dass du und David gemeinsam diese Ausstellung einrichten würden. Nun musst du ohne ihn – dafür aber mit seinen oft nicht ganz „leicht verdaulichen“ Arbeiten -klarkommen. Wie machst du das? Das ist schon eine echte Herausforderung. Aber ich kannte ihn und seine Ansprüche gut genug, dass ich denke, ihm gerecht zu werden. Wenn ich mich mit seinen Werken befasse, fühle ich mich grade so,  als würde er hinter mir stehen und mir seine Ansichten ins Ohr flüstern.

Hast du Lieblingsstücke, die du zeigen wirst? Es gibt Objekte, welche ich sehr schätze. Aber ich werde alles gleichwertig behandeln. Mir geht es darum, den Besuchern zu zeigen, wie vielseitig David Bürkler war. Zum Beispiel seine Anfänge, wo er fast in der Konkreten Kunst steckt. Dann der Übergang zu den Alltagsgegenständen – den Schemeln und Schachteln zum Beispiel…

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Gibt es etwas, dass du mir dieser Ausstellung gerne bewirken möchtest? Ich denke ja, dass David Bürkler als Künstler oft unterschätzt wurde. Das will ich etwas korrigieren. Er hat so ein vielfältiges Werk, hat so viele Jahre daran gearbeitet. Und er wollte weitermachen. In seinem Atelier stand noch bis zum Schluss ein riesiger Tisch. Dieser war übersät mit hunderten von Zetteln und Notizen voller Ideen und Gedanken, die David noch umsetzen wollte. Ich bin ziemlich sicher: Der ein oder andere Besucher wird staunen, was an Unerwartetem vom Künstler David Bürkler in der Ausstellung sichtbar wird.

Herzlichen Dank an Adrian Bleisch für das Gespräch. Und hier geht’s den Ausstellungsinformationen und einem Zeitungsartikel

(Bilder: freundlich genehmigt durch Adrian Bleisch)

Ausstellungsdaten:

David Bürkler – 11.6. bis 16.7.2016
Vernissage: Samstag, 11. Juni, 16 – 19 h

Öffnungszeiten Mi bis Fr 14-18 Uhr, Sa 11–16 Uhr oder nach Vereinbarung

Galerie Adrian Bleisch
Schlossgasse 4 · CH 9320 Arbon
T 071 446 38 90 · M 077 443 04 50
info@galeriebleisch.ch

„Kreative Geister müssten mehr Anregung kriegen“

Im Gespräch mit dem Künstler Larry Peters.

„Wir haben hier für angehende Künstler einfach kein ausreichend inspirierendes Lernumfeld“, bedauert der Künstler Larry Peters bei einer Tasse Tee an einem sonnigen Montagmorgen. Peters selbst hat unter anderem am Royal College of Art seine Ausbildung absolviert und danach in England und der Schweiz während vieler Jahre Kunststudenten ausgebildet. Im Gespräch erzählt er über seinen Werdegang und erklärt, was er sich von St.Gallen als Ausbildungsstätte junger Künstler wünschen würde.

Bist du in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen? Und deshalb Künstler geworden? Eigentlich komme ich aus einem typischen Arbeitermilieu. Schon in der Primarschule entdeckten die Lehrer aber so etwas wie mein „künstlerisches Talent“ und empfahlen mir, dieses an einer weiterführenden Schule zu verfeinern und auszubauen. Ich kam so an eine renommierte Kunstschule, ein angesagter Künstler nahm mich unter seine Fittiche…ich habe dann an der Chelsea School of Art und am Royal College of Art  studiert. So ergab eines das andere (lacht).

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Was hat dich dann in die Schweiz, genauer gesagt: nach St.Gallen geführt? Meine Frau hat mich hierher gebracht. Sie war Schweizerin. Ich bekam zwar nach dem Studium gleich eine Anstellung in Farnham (GB) – als Kunstlehrer. Aber nach ein paar Jahren wollte ich eine Luftveränderung. Wir haben dann entschieden, ins Heimatland meiner Frau zu gehen. Und ich bekam relativ schnell eine Anstellung an der hiesigen Kunstgewerbeschule.

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Larry Peters: „Man going east“ (2015)

Erlebst du St.Gallen als Nährboden für Künstler? Oh ja. Ich bin der Meinung, wir haben sehr viele gute Schüler und Studenten hier. St.Gallen hat sich in den letzten Jahren ausserdem extrem entwickelt. Ich sehe tolles Potenzial. Was leider fehlt sind die Werkstätten, die Orte. Damit meine ich, dass es andere Räumlichkeiten bräuchte, als traditionelle Schulzimmer, wo Kunst unterrichtet wird. Denn erst besondere Ort lassen richtig kreatives Denken zu. Der Mangel an solchen Orten ist auch ein Grund, weshalb viele angehende Künstler*innen Richtung Zürich verschwinden, wenn sie eine entsprechende Ausbildung haben wollen. Denn fähige Lehrkräfte haben wir hier!

Wovon träumst du, wenn es um den Ausbau des „Kunst-Ausbildung-Standorts St.Gallen“ geht? Mein Anliegen ist, dass die grossartigen Lehrkräfte, die es hier in der Stadt gibt, hier am Standort bleiben und unterrichten wollen, weil sie sich auch hier vom Arbeitsumfeld angesprochen fühlen. Ein Schritt dazu wäre, dass man neue Räume findet, beispielsweise im Zeughaus…In einem weiteren Schritt könnte man sich die Tradition St.Gallens in Bezug auf Textilien und Bücher zu Nutzen machen. Und beispielsweise versuchen, alle Künste in einem Hause zu vereinen: In einer „School of Fine Arts“. Ausserdem wäre es fantastisch, ein Austausch-Programm für Kunststudenten ins Leben zu rufen. Zum Beispiel mit Farnham in Grossbritannien – wo ich gute Beziehungen habe. Aber wie gesagt (schmunzelt): Das sind Träume von einer möglichen Zukunft für St.Gallen an Ausbildungsort für Künstler. Wer weiss, was davon noch Realität wird….

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Larry Peters: „Alles muss weg“ (2009)

Du hast nun erzählt,  was du dir für angehende Künstler wünschst. Aber auch du selbst bist Künstler. Wie sieht es mit deinen persönlichen Zielen aus? Eine grosse Sache gibt’s, die ich gerne umsetzen würde. Und zwar würde ich mein Lebenswerk noch gerne in irgendeiner Form „organisieren“, zum Beispiel als Buch. Oben in meinem Haus habe ich einen Raum, der voller Bilder ist. Da würde ich gerne alles irgendwie zusammenbringen. Ich will mein eigener Kurator sein und prüfen, wo ich stehe und was ich erreicht habe. Das wäre dann nichts weniger als das: Ein Bilanz-Ziehen meines künstlerischen Lebenswerkes.

‘someone once said
to somebody
does anyone
know anybody
who can tell
everyone
that everybody
is different to them
and to us’
– Larry Peters, 2016 –

 

Vielen Dank an Larry Peters für dieses Interview.

Wer noch andere Seiten von Larry Peters kennenlernen möchte, findet Infos über ihn in diesem Zeitungsbericht.

(Porträt Larry Peters: St. Galler Tagblatt, Reto Martin, 25. Nov. 2009)

 

 

Honorarleitlinien für Bildende Künstler

Wann immer man als Kunstschaffender zur Mitwirkung an einem Projekt eingeladen wird, ist das eine tolle Sache. Denn auf keine andere Weise erlebt man eine so unmittelbare Wertschätzung der eigenen künstlerischen Arbeit. Im Rausch der ersten Begeisterung sollte man dennoch einige wichtige Fragen nicht aus den Augen verlieren: „Entspricht das Projekt mir und meinem Schaffen überhaupt?“ – „Wie steht es um den Ruf der einladenden Institution?“ –„ Und wie sieht es mit Honoraren und Vergütungen aus?“ Mit all dem hat sich soeben der Berufsverband der Bildenden Künstler visarte.schweiz befasst. In seinen neu erschienen Honorarleitlinien für Bildende Künstler gibt er hilfreiche Empfehlungen. Mehr dazu hier!

Ein wichtiger Grund, weshalb visarte diese dreisprachigen Honorarleitlinien (in dt., frz., it.) herausgegeben hat, basiert auf folgender Erkenntnis: Bildende Künstlerinnen und Künstler bekommen für ihre Mitwirkung an Ausstellungen nur in den seltensten Fällen eine angemessene Vergütung.

In anderen Kultursparten werden vergleichbare Nutzungen und Leistungen hingegen selbstverständlich vergütet.

(Honorarleitlinien, S.3)

 

Denn oft sind alle Beteiligten – vom Kurator bis zum Kunstschaffenden – auch unsicher, wonach man Leistungen bemessen kann. Die Leitlinien liefern hierzu gute Orientierungshilfe und erläutern, welche Bewertungskriterien zu berücksichtigen sind.

Was zählt

– professionelle Ausstellungs- oder Publikationstätigkeit
– abgeschlossenes Kunststudium
– Mitglied in einem Berufsverband der bildenden Kunst

Im nächsten Schritt muss dann die Art der Vergütung betrachtet werden. Handelt es sich um eine Ausstellungsvergütung, hilft man beim Transport oder wird eine Laudatio gehalten? Und welche Tarife können für welche Tätigkeit angesetzt werden?

Tabellen geben Tipps – hier zum Beispiel für Ausstellungsvergütungen:

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Honorarleitlinien, S.6

 

Wer mehr wissen will findet hier sämtliche Informationen: Im PDF der Leitlinien fuer Honorare – in deutscher, französischer und italienischer Sprache!

Quelle:

Herausgeber visarte berufsverband visuelle kunst • schweiz
Geschäftsstelle,
Kasernenstrasse 23, CH 8004 Zürich
Projektleitung Benjamin Dodell, Mitglied Zentralvorstand
Redaktion Josef Felix Müller, Präsident visarte.schweiz
Regine Helbling, Geschäftsführerin
visarte.schweiz
Erscheinungsdatum 2016

 

 

Sozialabgaben im Kulturbereich – Worauf achten?

„Sozialversicherungen“ ist ein Riesenthema. Für „Normalos“ auf alle Fälle – und fast noch mehr für Kulturschaffende. Denn für sie gelten etliche Sonderregelungen. Gerade eben hat der Verein Suisseculture Sociale einen ausführlichen Leitfaden dazu herausgegeben. Hier ergänzend ein kleiner Überblick im Tabellenformat…Denn was gilt im Einzelfall und wie sieht’s für die Auftraggeber dieser Kulturschaffenden aus? Wann etwa müssen kulturelle Institutionen, die Maler oder Musiker für Projekte engagieren, Sozialabgaben an die AHV zahlen? Wann nicht? Und wie ist die Lage bei  Angestellten solcher Institutionen, die zum Beispiel Bürokram in minimalen Prozenten erledigen??? 

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Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag überhaupt in den Puck stellen soll. Denn sicher werden einige Leser denken, ich wolle da mit erhobenem Zeigefinger den Moralapostel spielen. Fehlanzeige. Es ist nur so, dass ich von etlichen Kulturmachern weiss, dass sie keine Ahnung haben. Und dann war ich vor einiger Zeit in einem Seminar zu genau diesem Thema – und habe erzählt bekommen, wie saublöde es für die Betroffenen ist, wenn was quer läuft. Daher schreibe ich jetzt einfach los. Jeder kann ja entscheiden, was er damit anfängt.

Und noch was: NEIN, die SVA St.Gallen bezahlt mich nicht dafür, dass ich’s schreibe.

Nicht-Wissen hilft leider nix

Also: Bei vielen Kultureinrichtungen handelt es sich um kleine Organisationen. Sehr oft sind es Vereine, die mit einer Handvoll ehrenamtlicher Vorstandsmitglieder arbeiten. Die wenigsten von diesen engagierten Leuten sind allerdings sattelfest, wenn es um die Regelung von Sozialabgaben geht. Das ist nicht ganz unbedenklich. Denn Vorstände haften – anders als beispielsweise eine dem Vorstand unterstellte Geschäftsstelle – finanziell für das, was in dem von ihnen geführten Verein vor sich geht.

Wenn also (auch nur versehentlich) Pflicht-Abgaben bei Zahlungen an Kunstschaffende nicht geleistet werden, ist das nicht optimal. Denn sobald im Nachhinein festgestellt wird, dass Beiträge fehlen, muss nicht selten nachgezahlt werden und zwar aus dem Vereinsvermögen. Aber wenn da zu wenig in der Kasse ist, geht es an die Privatgelder der Vorstände.

Ich habe mich bei Herrn Roland Bischof, dem leitenden Revisor bei der SVA St.Gallen erkundigt. Er hat Auskunft gegeben, wie Vereine, die mit Künstlern und geringfügig beschäftigten Angestellten zu tun haben, am besten vorgehen sollten.

Die ersten Schritte

  • Von allen Personen zunächst Namen, Geburtsdatum und AHV-Versicherten-Nummer organisieren
  • Bankverbindungen notieren
  • „Bestätigung über die Erfassung als Selbständig-Erwerbender“ inkl. Abrechnungs-Nummer einfordern.

Dann hat man alle Angaben zusammen, die es für die Lohnzahlung, aber auch für das Zahlen der Sozialabgaben, braucht.

Stand vom April 2016 ist dieser: Bei der Jahresabrechnung wird jeweils der verdiente Bruttobetrag für das Gesamtjahr deklariert. Und zwar für alle Personen, die ÜBER 2’300,- CHF Lohn erhalten. Bei Personen, die nur Spesen und/oder Material entschädigt erhalten, entfällt der Lohnausweis und die Deklaration bei der AHV/ Unfallversicherung. Überdies gehören allfällige Kinderzulagen NICHT zum AHV-pflichtigen Lohn.

Ein Beispiel. Ein Verein beschäftigt zwei Angestellte mit wenigen Prozenten. Zudem eine auf Stundenbasis werkelnde Putzkraft. Der Vorstand erhält jeweils nur eine kleine Aufwandentschädigung. Und hin und wieder sind „Kulturarbeiter“ engagiert.

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Und weil die Tabelle oben ziemlich schlecht zu lesen ist, hier noch das PDF der Tabelle zum Runterladen.

Sozialabgaben zahlen ist fair

Um also überflüssigen Stress zu vermeiden, lohnt es sich, die Beiträge entsprechend der Auflistung in der Tabelle regulär zu zahlen. Das ist zwar manchmal ein bisschen aufwändig. Aber man vermeidet damit ganz eindeutig schlechte Laune. Ausserdem ist es eigentlich auch fairer für alle, die Einsatz bringen: Von der „Administrations-Fee“ bis hin zum Kultur-Täter… zumindest auf den zweiten Blick. Denn das Geld, das man im ersten Moment nicht bekommt, geht ja nicht verloren. Man erhält es eben einfach später, beim Eintritt ins Bezugsalter.

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Ein sehr herzliches Dankeschön an Herrn Bischof für seine Auskünfte.

Noch was: Wer ganz genau wissen will, was exakt für ihn oder sie persönlich gilt, der sollte ungeniert ein Beratungsgespräch bei der Ausgleichskasse oder Sozialversicherungsanstalt des Wohnkantons abmachen. Sehr gerne hilft immer auch die AHV-Zweigstelle der Gemeinde weiter.

 

„Umgang mit Kunst spiegelt die Gesellschaft“

Josef Felix Müller über „Kunst am Bau“

„Unsere Gesellschaft braucht Kunst und Kultur“, ist das Statement von Künstler, Verleger und visarte.schweiz Präsident Josef Felix Müller. Er will die Öffentlichkeit auch weiter für Kunst am Bau sensibilisieren und begeistern. Spardruck hin oder her. Seine Beweggründe erklärt er im Interview…

Manche sagen, Kunst am Bau sei nur eine kostspielige Spinnerei. Stimmt das so? Was für einen Stellenwert hat Kunst am Bau tatsächlich? Kunst und Kultur helfen dabei, Veränderungen einer Gesellschaft innerhalb dieser spürbar zu machen. Ausserdem geht es in einer Gesellschaft  auch darum, „Zukunft zu denken“. Dafür ist wichtig, nicht immer nur altes zu reproduzieren, sondern auch neues zu schaffen. Alle Lebensbereiche müssen daran teilhaben. Hierzu gehört auch die Kunst.

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Roter Platz von Pipilotti Rist & Carlos Martinez

Kunst am Bau ist für viele ein abstrakter Begriff. Welches konkrete Beispiel gibt’s hier in der Region St.Gallen? Da fällt mir spontan der rote Platz von Pipilotti ein. Das ist ein Paradebeispiel für einen mutigen und unmittelbaren Eingriff in den öffentlichen Raum. Ein Projekt, das in enger Zusammenarbeit von der Stadt St. Gallen und der Raiffeisenbank geplant wurde.

Kunst am Bau … gibt es da eigentlich sowas wie eine Tradition hier im Kanton St.Gallen? St. Gallen hatte eine Pionierrolle bei Kunst am Bau. Die Uni ist ein Paradebeispiel dafür. In den 50/60 er Jahren ging es da schon los. Damals unter der Schirmherrschaft von Prof. Nägeli. In dieser Zeit hat man sich einer internationalen Strömung angeschlossen und hochkarätige Künstler in die Stadt geholt. Aber auch der Neubau unseres Stadttheaters als Sechseck mit Sichtbeton – inklusive des Wandbildes «Gran Esquinçal» von Antoni Tàpies im Foyer – oder Roman Signers berühmtes Fass reihen sich in diese Tradition ein. Durch all diese Kunstwerke sind viele lebendige Diskussionen entstanden. Die sollten in Zukunft nicht ausbleiben. Da stehen die Stadt St.Gallen und der Kanton in der Pflicht.

Das St.Galler Theater

Stadttheater St. Gallen – Gebäudehülle aus Sichtbeton (Foto: Konzert & Theater St.Gallen)

Kunst braucht Zeit

Viele Menschen haben generell Mühe mit Kunst und erkennen sie zum Beispiel gar nicht als solche. Deshalb schätzen sie sie dann auch nicht. Kann man dieses Problem lösen? Die Kunst hat es tatsächlich schwer. Van Gogh wurde ja zu Lebzeiten auch als Schmierfink missachtet. Heute sieht es mit seinem Stellenwert ganz anders aus. Da zeigt sich die Langzeitwirkung von Kunst. Mit der Zeit wächst das Verständnis für sie. Über Romans Signers Fass wird heute auch ganz anders gesprochen, als zum Zeitpunkt seiner Aufstellung. Und bei Kunst am Bau ist das eben etwa sehr Spezielles. In dieser Form ist ein Werk permanent anwesend und kann optimal seine Langzeitwirkung entfalten.

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„Fass-Brunnen“ von Roman Signer, St.Gallen

Was für eine „Langzeitwirkung“ kann das sein? Kunst sorgt für Diskussionen, für Geschichten. Zudem wertet sie den Standort auf und Kunst hilft dabei, Identität zu stiften. Sie gibt Gebäuden, Orten und Plätzen ein einzigartiges „Gesicht“.

Aber Kunst ist teuer, zweifellos. Und böse Zungen gehen so weit und verurteilen Kunstschaffende selbst als Sozialschmarotzer, die von Steuergeldern leben. Liegen die „Meckerer“ falsch? Bei Aussagen, dass Künstler nur die Hand aufhalten und sich durchfüttern lassen, kann ich nur erwidern: Kunst leistet einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Kunstschaffende erbringen Leistungen, wie etwa ein Auslösen einer Schule des Sehens, damit Menschen die Zeichen der Zeit besser wahrnehmen. Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Künstler motivieren die Öffentlichkeit, über unsere Welt zu reflektieren.

visarte ist der Berufsverband der bildenden Künstler in der Schweiz. Wird dort konkret gehandelt, um Kunst am Bau lebendig zu gestalten? Oh ja. visarte hat erst letztes Jahr erstmals den PRIX VISARTE vergeben. Bei dem Preis geht es drum, die Öffentlichkeit, aber auch Architekten und Architektinnen oder Bauherrschaften für das Thema zu sensibilisieren. Alle Schweizer Künstlerinnen und Künstler konnten Projekte der letzten Jahre auf einer Homepage aufschalten. Diese wurden von einer hochkarätigen Jury juriert und drei Projekte wurden mit einem Preis ausgezeichnet.

Einseitiges Sparen auf Kosten der Kunst ist falsch

 Leider reicht aber ein einsames Engagement seitens des Berufsverbandes nicht aus, um „Kunst am Bau“ zu pushen. Wie könnte eine Lösung „im grossen Stil“ aussehen? Was wären wichtige Schritte? Die Öffentliche Hand muss in die Pflicht genommen werden. Kommissionen müssen dieses Thema gut betreuen. Regelwerke müssen gelten, dass Kunst am Bau IMMER einen Platz bekommt. Es ist wichtig, dass Kunst am Bau NICHT von den Launen der Politik oder der Bauämter abhängen kann. Im Baugesetz müsste festgeschrieben werden, dass mindestens 1 % der Bausumme von öffentlichen Bauten für Kunst eingesetzt wird. Kommissionen müssen auch regelmässig mit neuen Leuten besetzt werden. Da braucht es eine Amtszeitbeschränkung. Durch diese würde ein Erneuerungsprozess gewährt, damit eine lebendige Auseinandersetzung dauerhaft stattfinden kann. Ein schwieriger Punkt in meinen Augen ist der: Der Kanton hat keine klare Strategie mehr, wie und wo Kunst am Bau realisiert werden soll. Das ist sehr schade.

Das klingt ein bisschen danach, als ob Kunst am Bau auf Teufel komm‘ raus realisiert werden müsse. Selbst dann, wenn in den öffentlichen Kassen Flaute herrscht? Der sparsame Umgang mit öffentlichen Geldern ist selbstverständlich auf allen Ebenen wichtig. Der Staat kann aber nicht einfach einseitig bei der Bildung oder der Kultur sparen. Kunst ist immer ein grosser Mehrwert für die Öffentlichkeit und für zukünftige Generationen. Und der Umgang mit Kultur ist immer auch ein Spiegel der Zeit.

 Herzlichen Dank für dieses Gespräch!